Auld Lang Syne
Die Geschichte von Text und Musik des berühmten „Silvester-/ Neujahrs – Liedes“
Auld lang Syne - Lang vergangne Zeit (Should auld acquaintance be forgot) Soll alte Näh‘ vergessen sein, In alle Ewigkeit? Soll alte Näh‘ vergessen sein Und lang vergangne Zeit? Auf lang vergangne Zeiten, Mann, Auf lang vergangne Zeit Lass trinken uns recht freundlich heut, Auf lang vergangne Zeit. Und sicher, Du hältst Deinen Krug Ich meinigen bereit, Lass trinken uns recht freundlich heut, Auf lang vergangne Zeit. Wir zwei pflückt‘ flink den Hang hinan Der Gänseblümchen Kleid, Doch gingen wir manch schweren Gang Seit lang vergangner Zeit. Wir zwei durchpaddelten den Strom, Frührot bis Dunkelheit, Doch tosten Meere zwischen uns Seit lang vergangner Zeit Doch hier die Hand, mein treuer Freund, Auch Deine öffne weit; Schlag ein und nimm nen guten Schluck Auf lang vergangne Zeit. Original: Robert Burns Nachdichtung: Daniel Beuthner, © 2025 Anmerkung: Der drittletzte Vers des Gedichtes wurde nach dem Einsprechen der Audioversion noch einmal verändert. Robert Burns (1759 - 1796) weltbekanntes „Auld Lang Syne“ - nach seinem Eingangsvers auch „Should auld acquaintance be forgot“ genannt - wird in der angloamerikanischen Tradition gerne zum Jahreswechsel in Gemeinschaft gesungen.

Eine bekannte Anekdote erzählt, dass bei der ersten Neujahrsfeier des britischen Königs Georg VI. (Vater von Königin Elisabeth II. und Großvater von König Charles III.) nach dem Zweiten Weltkrieg „Auld Lang Syne“ spontan von den Anwesenden angestimmt wurde, was die Einheit und den Neuanfang bekräftigen sollte. Der König habe daraufhin angemerkt, dass dieses Lied mehr als Worte ausdrücke. Es sei ein „musikalisches Band der Hoffnung und des Zusammenhalts.“ * (Quelle: *Royal Archives, London, 1946*)
In der Tat durchweht dieses Lied die Jahrhunderte mit seinem melancholischen, zugleich aber hoffnungsvollen Ton und wurde zum klingenden Symbol der Erinnerung, des Abschieds und Neubeginns. Entsprechend wird es nicht nur am Silvesterabend, sondern eben auch bei Abschieden, Beerdigungen und anderen emotionalen Anlässen gesungen:
Britische Soldaten stimmten es beim Ausrücken oder der Entlassung aus der Armee an und Auswanderer sangen es beim Ablegen der Schiffe Richtung Amerika.

So wurde „Auld Lang Syne“ auch in den USA schnell populär. Die „Boy Scouts“ also die internationale Pfadfinderbewegung verbreitete das Lied als Abschlusslied ihrer Versammlungen weiter über den Erdball. In der bekanntesten deutschsprachigen Textversion – sie stammt von Claus Ludwig Laue (1917 – 1971) und wurde 1946 explizit für die Pfadfindergemeinschaft St. Georg verfasst – heißt es denn auch entsprechend „Nehmt Abschied Brüder ungewiss ist alle Wiederkehr!“

Das schottische Original ist seiner Idee nach im übrigen deutlich älter, als die berühmte Version von Robert Burns aus dem Jahre 1788 vermuten lässt. Der Ursprung des Ausdrucks „Auld lang syne“ lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Er tauchte sinngemäß in einer anonymen Ballade als „Auld Kyndnes Foryett“ auf, die im Bannatyne-Manuskript von 1568 – einer Sammlung schottischer Literatur, zusammengestellt vom Edinburgher Kaufmann George Bannatyne (1545 – 1608) – enthalten ist.

Interessantes Detail zum Bannatyne-Manuskript:
Es ist die bisher älteste Quelle für eine gedruckte Fassung des derben „F“ -Wortes In der bereits 1568 erschienen Ausgabe gibt es ein Wortgefechts-Gedicht mit dem Titel
„The Flyting of Dunbar and Kennedy“ (Der Streit zwischen Dunbar und Kennedy) des Dichters William Dunbar (ca. 1400 – 1520) worin neben zahlreichen anderen Beleidigungen der Gegner als „wan fukkit funling“ (verf*ter Findling) bezeichnet wird.
Im Gegensatz zu Burns‘ optimistischer Aufforderung, sich an alte Freundschaften zu erinnern, beklagt „Auld Kyndnes Foryett“ die Unbeständigkeit derer, die diese Freundschaften nur zum finanziellen Vorteil vortäuschen:
They wald me hals with hude and hatt
Quhyle I wes rich and had anewch
About me friends anew I gatt
Rycht blythie on me they lewch
But now they mak it wonder tewch
And lattis me stand befoir the yett;
Thairfoir this warld is verry frewch
And auld kyndnes is quyt foryett
Sie grüßten mich, zogen Mütze und Hut
Als reich ich war und stets hatte Geld,
Freunde gewann ich reichlich und gut
Die sahen in mir das Glück der Welt;
Jetzt ist versperrt mir ihre Tür,
Sie machen es wirklich mir schwer;
Die Welt ist fruchtbar für und für
Und Freundlichkeit gibt es nicht mehr!
(Schnelle unsaubere Nachdichtung
von Daniel Beuthner © 2025)
Eine andere Balladenversion, die vermutlich vom schottischen Hofdichter Robert Ayton (1570 – 1638) geschrieben wurde, findet sich in der von dem bedeutenden Verleger und Buchhändler James Watson d. J. (ca. 1664 – 1722) publizierten und seinerzeit äußerst beliebten Sammlung „Choice Collection of Comic and Serious Scottish Poems”.

James Watsons „Choice Collection of Scots Poems“, 1711 zum ersten Mal veröffentlicht
Die hier als „komisch“ bezeichneten Lieder trugen diesen annotierten Schutzmantel, weil sie schlicht unzensiert daherkamen. Einige waren derb, andere obszön, und viele nicht im erwarteten Englisch, sondern in einer phonetischen Version der schottischen Umgangssprache geschrieben. Die „Choice Collection“ beeinflusste die großen schottischen Dichter Allan Ramsay (1686 – 1758), Robert Fergusson (1750 – 1774), Sir Walter Scott, (1771 – 1832) und eben auch Robert Burns.
Dieser entdeckte in Aytons Zeilen einen so einnehmenden Anfangsvers, dass er ihn prompt übernahm, und wollte jemand an dieser Stelle noch vom Zufall der Übereinstimmung sprechen, so schaue man nur auf den letzten Vers der aytonschen Strophe:
Robert Ayton (1570 - 1638)
Should auld acquaintance be forgot,
And never thought upon,
The Flames of Love extinguished,
And freely past and gone?
Is thy kind Heart now grown so cold
In that Loving Breast of thine,
That thou canst never once reflect
On Old-long-syne?
Robert Burns (1759 - 1796)
Should auld acquaintance be forgot,
And never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot,
And auld lang syne.
For auld lang syne, my dear,
For auld lang syne
We'll tak a cup o' kindness yet,
For auld lang syne.
Übersetzung von Aytons Text
Soll alte Näh vergessen sein,
Und nie mehr neu bedacht?
Der Liebe Flammen ausgelöscht ,
Vergangen, unentfacht?
Dein gütig Herz schlägt`s nur noch kalt
In deiner Brust, so weit,
Dass nie mehr Du erinnern kannst
Die gute alte Zeit?
(Schnelle unsaubere Nachdichtung von Daniel Beuthner © 2025)
Auch Allan Ramsay hat ein Lied mit diesem berührenden Eingangsvers geschaffen, welches einerseits als Heldengedicht jakobitischer Aufständischer, andererseits als Liebesgedicht, der sich nach wohlbehaltener Wiederkehr des Kriegers sehnenden Geliebten gelesen werden kann.
Ramseys Originaltext:
Should auld Acquaintance be forgot,
Tho they return with Scars?
These are the noble Heroes Lot,
Obtain’d in glorious Wars:
Welcome my FARO to my Breast,
Thy Arms about me twine,
And make me once again as blest,
As I was lang syne.
Methinks around us on each Bough,
A Thousand Cupids play,
Whilst thro’ the Groves I walk with you,
Each Object makes me gay.
Since your Return the Sun and Moon
With brighter Beams do shine,
Streams murmure soft Notes while they run,
As they did lang syne.
Gesungen wurden all diese Lieder auf seinerzeit beliebte schottische Weisen. Es war generell in der Musikgeschichte nicht unüblich, für die Vertonung von Texten auf alte Melodien zurückzugreifen, die vom Rhythmus her einfach funktionierten. Oftmals waren dies Volkslieder oder -Tänze, die man entweder kannte oder aus Sammlungen herausfischte. Viele Anthologien gaben solche Noten gleich mit. Nicht immer entsprach dabei die Stimmung der Musik allerdings auch jener des Textes.
Burns Gedicht bediente sich zunächst einer Tanz-Weise, die ungefähr bis kurz vor 1700 zurückverfolgt werden kann, dann verliert sich ihre Spur. Erstmals gedruckt wurde sie wohl in „A Collection of Original Scotch-Tunes“ und trug den Titel „For old long Gine (sic)my Joe“


1796 wurde Burns Text dann mit eben dieser Musik im „Scots Musical Museum“ (Band 5) des Kupferstechers, Verlegers sowie Buch- und Musikalienhändlers James Johnson (ca. 1753 – 1811) veröffentlicht.

Obgleich der Dichter mit dieser Musik, auf die auch Ramseys Text gesungen wurde, gar nicht zufrieden war, empfinde ich persönlich die Klänge als durchaus passend zu den Versen und als hörenswerte Alternative zur heute so bekannten Melodie. Urteilen Sie selbst:
In derselben Ausgabe des „Scots Musical Museum“ – und zwar bereits in Bd. 4 – vermählte Herausgeber Johnson eine andere Melodie mit dem Text eines früheren Gedichtes von Burns, das als „O can ye labor lea, young man” bezeichnet ist. Und falls Sie des Notenlesens mächtig sind, werden Sie anhand der folgenden Abbildung der entsprechenden Seite des Druckwerkes die Tonfolge als eben jener sehr verwandt erkennen, die wir unweigerlich mit „Auld Lang Syne“ verbinden:

Letztlich war es dann der bedeutende schottische Musikverleger George Thompson (1757 – 1851), der 1799 – drei Jahre nach dem Tod des Dichters – Burns-Version von „Auld Lang Syne“ mit der heute untrennbar damit verbundenen Melodie zusammenbrachte.
Möglicherweise hatte Thompson sie der 1759 erschienenen „Collection of Scots Reels or Country Dances“ von Robert Bremner (1713 – 1789) entnommen, wo sie unter dem Titel „The Miller’s Wedding“ veröffentlicht wurde. Es gibt auch Anklänge der Melodie in der Oper „Rosina“ (1783) des englischen Komponisten und Violinvirtuosen William Shield (1748 – 1829). Shield, dessen Werk Haydn und Beethoven zu schätzen wussten, soll die Weise wiederum aus einer 1780 erschienenen Sammlung von Kompositionen für Violine haben wo sie „The Miller’s Daughter” heißt. Apropos Haydn und Beethoven:
Thompson war nicht nur Verleger, sondern auch 60 Jahre lang Sekretär des Kuratoriums in Edinburgh – salopp formuliert so eine Art Kultusminister von Schottland.

In dieser Eigenschaft wollte er seiner Heimat ein kulturelles Denkmal setzen, indem er unzählige schottische Lieder von den bedeutendsten Komponisten der damaligen Zeit neu arrangieren ließ. In seiner mehrbändigen Ausgabe von „A Select Collection of Original Scottish Airs for the Voice“, die ab 1793 über fast 50 Jahre erschien und hunderte Texte umfasste, traf sich das „Who is Who“ der führenden Tondichter unter anderem auch Joseph Haydn (1732 – 1809), Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) und Carl Maria von Weber (1786 – 1826).
Haydn hatte bereits zwei Jahre zuvor zahlreiche schottische Weisen recht einfach arrangiert, um seinem unverschuldet in finanzielle Not geratenen englischen Verleger William Napier unter die Arme zu greifen. Haydn war seinerzeit einer der berühmtesten wenn nicht der berühmteste Komponist überhaupt, und was aus seiner Feder kam, verkaufte sich.

Thompson musste einige Jahre warten, bis er den großen Komponisten für sein Vorhaben gewann und ihm schließlich die unglaubliche Gage von 2 Dukaten pro Lied bieten. Haydn schlug ein und es entwickelte sich eine fruchtbare, viele Jahre währende Zusammenarbeit, in der über 300 musikalische Kleinodien, die mit typisch haydnschem Witz und virtuoser Brillanz – ohne dabei kaufkräftige Amateure zu überfordern – auch heute noch mit ungebrochener Frische und Freude zu überzeugen wissen. Von lyrischen berührenden Liebesliedern über urwüchsig bäuerliche Tanzweisen bis zu Highland-Legenden und mystischen Melodien ist alles dabei. Im Prinzip sind es Klaviertrio-Miniaturen mit Gesangstimme(n). Einige auch heute noch sehr bekannte Lieder finden sich darunter wie z. B. „Greensleeves“, „The Last Rose of Summer“ und das als Weihnachtslied beliebte „Deck the Halls“ (sie wissen schon, das mit dem „Fa-la-la-la-la, la-la-la-la!“- Refrain) unter seinem Ursprungstitel „Nos Galan“ (Hob. XXXIb:29). Letzteres ist übrigens ganz ursprünglich ein Neujahrslied wie es unser „Auld Lang Syne“ geworden ist.
Haydns Auld Lang Syne Arrangement
Auch Beethoven nahm sich der berühmten „Lang vergangen Zeiten“ an und arrangierte es für drei Singstimmen mit ebenfalls Klaviertrio-Begleitung (WoO 156).
Beethovens Auld Lang Syne Arrangement
Im 19. und 20. Jahrhundert folgten unzählige weitere Variationen der populären Melodie. Sie wurde 1843 im „Liederbuch gegen die Sklaverei“ mit einem Text des amerikanischen Autors und Freiheitsaktivisten William Lloyd Garrison (1805 – 1879) als „Song of the Abolitionist“ veröffentlicht.
Song of the Abolitionist
I am an Abolitionist!
I glory in the name:
Though now by Slavery’s minions hiss’d
And covered o’er with shame,
It is a spell of light and power—
The watchword of the free:—
Who spurns it in the trial-hour,
A craven soul is he!
I am an Abolitionist!
Then urge me not to pause;
For joyfully do I enlist
In FREEDOM’S sacred cause:
A nobler strife the world ne’er saw,
Th’enslaved to disenthral;
I am a soldier for the war,
Whatever may befall!
I am an Abolitionist!
Oppression’s deadly foe;
In God’s great strength will I resist,
And lay the monster low;
In God’s great name do I demand,
To all be freedom given,
That peace and joy may fill the land,
And songs go up to heaven!
I am an Abolitionist!
No threats shall awe my soul,
No perils cause me to desist,
No bribes my nets control;
A freeman will I live and die,
In sunshine and in shade,
And raise my voice for liberty,
Of nought on earth afraid.
(William Lloyd Garrison)
Und selbst die Beatles lassen sie in ihrem – sich ansonsten in unzähligen Wiederholungen ergehenden – „Christmas Time“, in dem jedes Bandmitglied weihnachtliche Grüße ausspricht, anklingen. Genauer gesagt tut dies John Lennon, der unsere Melodie auf der elektronischen Orgel spielt und darüber ein Nonsens-Gedicht haucht. („Free as a Bird, Single Version Track 4 „Christmas Time“ 1967).
Zahlreiche weitere gute und schlechte Verarbeitungen von „Auld Lang Syne“ füllen die Audiotheken und zum neuen Jahr wird es wieder erklingen und hoffentlich viele Herzen mit dem Wunsch anrühren, die ausgestreckte Hand alter Nähe – was auch immer in der Zwischenzeit geschehen sein mag – nicht abzuweisen sondern einzuschlagen und einen guten „Schluck der Freundlichkeit“ miteinander zu trinken.
In diesem Sinne Ihnen allen ein friedliches, gesundes und zufriedenes neues Jahr!
Herzlich Ihr
Daniel Beuthner




