Baldassare Castiglione – oder humanistischer Fortschritt der Persönlichkeitsbildung

Alte Ausgabe des Buches vom Hofmann mit gestochenem Portrait des Autors
Alte Ausgabe des Buches vom Hofmann mit gestochenem Portrait des Autors

Persönlichkeitsbildung ist ein sehr aktuelles Thema und vieles, was man heute unter diesem Stichwort und verwandten Begriffen wie „Selbstoptimierung“ und „Life-Coaching“ finden, lesen, streamen, buchen und sonst noch irgendwie veranstalten kann, ist mehr oder weniger eine von Gewinnmaximierung getriebene merkantile Masche, um an Geld, Aufmerksamkeit und Daten – dem Gold der Gegenwart – unsicherer oder besser verunsicherter Menschen zu gelangen. Aber woher auch Sicherheit nehmen, wenn von allen Seiten gefühlt millionenfach auf einen einprasselt die Vorstellung: „So wie Du bist, bist Du nicht in Ordnung“. Ganz abgesehen von der Frage wer wildfremden „Social-Media-Psychologen“ das Recht gibt, eine normative Vorstellung von „richtiger Persönlichkeit“ zu propagieren und in den meisten Fällen zunächst an Äußerlichkeiten festzumachen, um letzten Endes den vielleicht hundertausendsten neuen Eiweiß-Drink an den Mann und die Frau zu „influenzen“ steht doch die Frage im Raum: „Wo bleibt die Bildung in Persönlichkeits-BILDUNG?“

Hier kommt Baldassare Castiglione (1478 – 1529) ins Spiel.

Baldassare Castiglione, Ausschnitt des berühmten Gemäldes von Raffael, 1516

Der bei Mantua geborene Schriftsteller, Diplomat und Höfling ist durch Beispiel und Werk einer der bedeutendsten Lehrmeister in „Persönlichkeitsbildung“ für das Abendland geworden und hat mit seinem Vorbild und seinem Hauptwerk, dem „Buch vom Hofmann“ (Il Libro del Cortegiano, 1528) über mehrere Jahrhunderte das Bild des idealen gebildeten ritterlichen Menschen geprägt in das er ausdrücklich Frauen mit einbezog.

„Alles, was die Männer begreifen können, kann auch von den Frauen begriffen werden und, wohin der Verstand des einen dringt, kann der der anderen auch dringen.“ 1
Il Libro del Cortegiano, Venedig, 1547
Il Libro del Cortegiano, Venedig, 1547

Wohlgemerkt: Wir befinden uns in der Renaissance, im Humanismus, der den Menschen in den Mittelpunkt der Seins-Betrachtung stellte, wobei mit „Mensch“ in der Vorstellung der Zeit allerdings überwiegend und fast ausschließlich die Männer gemeint waren und in der Frauen, wie Martin Luther sagte nicht mehr seien als „halbe Kinder“ oder „tolle Tiere“.

Castiglione untermauert seine These mit Beispielen von „herrschenden Frauen“, die ebenso wie Männer

„Staaten mit großer Klugheit und Gerechtigkeit regiert und alles das verrichtet haben, was gemeinhin als Sache der Männer gilt.“ 2

Auch für Castiglione steht eine Art Selbstoptimierung auf dem Programm des idealen Hofmanns und man muss hinzufügen der Hofdame. Es geht hier aber weniger um konkrete Ernährungs- und Trainingstipps zu einer gezielten Work-Life-Balance als vielmehr um eine ganzheitliche Bildung, die um vier Begriffe kreist, deren wichtigster die sogenannte „Sprezzatura“ ist. Man könnte diesen von Castiglione eingeführten und vielleicht sogar erfundenen Begriff mit „Lässigkeit“ oder moderner mit „Coolness“ übersetzen. Es geht ihm darum, dass man
„selbst die anstrengendsten Tätigkeiten und Aktivitäten auch solche, die langes Lernen und Üben voraussetzen stets leicht und mühelos erscheinen lässt.“ 3

Also genau das Gegenteil von narzisstischer Selbstdarstellung. Castiglione ergänzt die Bedeutung der Sprezzatura durch die Bemerkung, dass von ihrer Haltung vermutlich zum „großen Teil die Anmut (la grazia) herrühre“4.

Diese gewisse Leichtigkeit in allem, was man mühevoll erlernt und geübt hat an den Tag zu legen, ist in der Tat ein kommunikatives Mittel der Höflichkeit und zeugt von Bescheidenheit und Respekt, indem man nicht sich selbst „seht her was ich kann und weiß“ plakativ in den Mittelpunkt stellt, sondern die Anerkennung für die eigene Kunstfertigkeit höher und gewisser erlangt, je leichter das Dargebotene wirkt: Schwere Dinge leicht erscheinen zu lassen erweckt größere Bewunderung, als zu betonen, wie schwer die Sache doch sei, die man gerade vollbracht habe. Kurz: Angeber reüssieren weniger als bescheidene Könner.

Zudem ermöglicht die Bescheidenheit eine Unterhaltung, ja einen echten Dialog auf Augenhöhe. Denn gewiss wird der andere – mag er auch ungebildeter oder untrainierter erscheinen – Talente und Fähigkeiten besitzen, die mir fehlen oder von denen ich lernen kann. Diese Form der Sprezzatura ist also vor allem auch ein Ausdruck des Respektes.

„Wer sich rühmt, alles zu können, ist entweder ein Narr, ein Lügner oder von eitler Gesinnung“ 5

oder in ähnlicher Weise humorvoller ausgedrückt:

„Wer sich für Meister aller Dinge halten will, gleicht jener Katze, die in allen Verstecken gewesen sein möchte und keinen Ort zum Ruhen findet.“6


Apropos Humor: Zusätzlich und in gewisserweise als lockere Ergänzung zur Sprezzatura ist Castiglione als zweiter Punkt eine humorvolle Gesinnung und schlagfertige Konversation von Bedeutung. Beispiele für seinen feinen Witz gibt es viele im „Cortegiano“, meist in Form ernst gemeinter Ratschläge, die bis heute nichts von Ihrer Gültigkeit verloren haben:

„Mit Toren sollte man nicht zu lange disputieren; Rede verleiht ihnen Gewicht — am besten lächelt man über sie und hält Abstand.“7

Gewiss ist das nicht immer möglich und auch nicht immer der richtige Umgang aber nicht selten - und so meint es Castiglione wohl - scheint es die bessere Wahl. Ein Ratschlag. der in unserer Zeit wertvoller ist denn je, führte er - nur etwas konsequenter angewendet - doch dazu, dass man den größten Dummköpfen der Gegenwart ihr wertvollstes Kapital, die Aufmerksamkeit, entzieht.

Viele Weisheiten aus dem Cortegiano haben an Aktualität eher noch gewonnen als verloren über die Jahrhunderte, was keine Expertise für den humanistischen Fortschritt ist. Das Buch wurde übrigens bereits im 16. Jahrhundert – also zur Zeit kurz nach seiner Entstehung – ins Französische, Englische, Deutsche, Polnische, Lateinische – Castiglione schrieb in der aufkommen italienischen Volkssprache, zu deren Verbreitung er viel beigetragen hat – und kastilische übersetzt bzw. kulturell angeeignet . Kastilisch vermutlich, weil Castiglione in seinen letzten Lebensjahren als Apostolischer Nuntius – also päpstlicher Botschafter – am Spanischen Hof eingesetzt war und Kaiser Karl V. (1500 – 1558) ließ es sich nicht nehmen, nach Castigliones Tod ein persönliches Kondolenzschreiben zu verfassen in dem er den Verstorbenen als „einen der besten Ritter der Welt“ 8 bezeichnete.

Karl V. 1548, Gemälde mittlerweile Lambert Sustris (1515 - 1584) zugeschrieben, früher Tizian
Karl V. 1548, Gemälde mittlerweile Lambert Sustris (1515 – 1584) zugeschrieben, früher Tizian

Und dies obwohl Castiglione immer deutlich forderte, dass es Aufgabe eines Hofmanns – der auch so etwas wie ein Berater des Herrschers war und u.a. ministeriale Aufgaben übernehmen konnte – sei, dem Regierenden die Wahrheit offen zu sagen, denn

„Diejenigen, die immer das sagen, was dem Herrn gefällt, sind wie hohle Spiegel, die nichts anderes zurückgeben als das Antlitz, das ihnen vorgehalten wird“9

und

„Ratschläge ohne Wahrheit gleichen Arzneien ohne Heilwirkung.“10

Auch wenn er noch keine Globuli kannte und der Placebo-Effekt noch nicht untersucht war, stimmt die Analogie doch schon damals und wie anders sähen Politik, Wirtschaft und der Ratgeber-Markt aus, wenn die Berater diesen Satz stets beherzigten. Daher ist die dritte Forderung die Baldassare Castiglione betont die unbedingte Aufrichtigkeit in der Konversation mit dem Herrschenden.

Es ist an dieser Stelle der kurze Vergleich mit Niccolò Machiavelli (1469 – 1527) anzurühren, denn dessen heutzutage merkwürdigerweise wesentlich populäreres Hauptwerk „Der Fürst“ (Il Principe, 1513) ist so etwas wie die Kehrseite der Medaille auf der „Il Cortegiano“ geprägt ist.

Machiavelli, Gemälde von Santi di Tito (1536 -1603)
Machiavelli, Gemälde von Santi di Tito (1536 -1603)

Während Castigliones „Hofmann“ die vollendete Kultiviertheit, eine urbane und elegante Lebenshaltung und bescheidene Lebensführung, sowie Bedächtigkeit und Zurückhaltung als Ideal formuliert, entfaltet sich in Machiavellis „Il Principe“ ein in Teilen schonungsloser Blick auf die Verderbtheit und moralische Zügellosigkeit der italienischen Höfe und – obwohl er überzeugter Republikaner war – gibt er den Herrschern in seinem Werk doch sämtliche Leitfäden an die Hand, ihre Macht zu vergrößern und auszuweiten:

„Ich bin aber der Meinung, dass es besser ist, draufgängerisch als bedächtig zu sein. Denn Fortuna ist ein Weib; um es unterzukriegen, muss man es schlagen und stoßen.“11

Abgesehen von dem weit von Castiglione entfernten und doch eher zeittypisch zum Ausdruck gebrachten Frauenbild, finden wir hier die auch heute noch als machiavellistisch bezeichnete Haltung oder Praxis: Ein durch Zweckrationalität, Machtkalkül und in Teilen disruptiven Mittel‑Zweck‑Denken charakterisiertes und offenbar zum – Achtung Wortwitz – vorherrschendem Führungsmodell gewordenes System in Politik und Wirtschaft.

Daher ist der vierte Begriff, um den Castigliones Hauptwerk kreist, vielleicht der wichtigste in unseren Tagen: Die Bildung in den schönen Künsten.

„Poesie und Geschichte belehren die Seele und geben Beispiele von Tugend und Irrtum, sodass Bürger und Höfling lernen zu unterscheiden.“12

„Die Malerei zeigt Beispiele von Tugend und Laster in Gestalten und lehrt dadurch mit geringerer Mühe als durch Worte.
13

„Es ist eine der edlen Seele würdige Sache, wenn jemand malen oder zeichnen kann; denn dies ist ein Schmuck und lässt den Geist durch Bilder sprechen.“
14

Apropos Malerei: Eine innige Freundschaft verband Castiglione mit dem großen Künstler Raffael (1483 – 1520). Dieser hat ein ganz außerordentliches Porträt Castigliones geschaffen, das den Freund eben als vollendeten Hofmann darstellt, mit zurückhaltender Gestik, Mimik, wachem etwas melancholischem Blick, zart angedeutetem Lächeln – für mich beeindruckender als das der Mona Lisa – und in dezenten, aber sehr geschmackvollen Farben, all das ausdrückend, was Castiglione vom Hofmann fordert. Es hängt übrigens heute im Louvre in Paris.

Baldassare Castiglione 1516, Gemälde von Raffael (1483 - 1520)
Baldassare Castiglione 1516, Gemälde von Raffael (1483 – 1520)

Gemeinsam mit Raffael verfasste Castiglione ein Memorandum zur Erhaltung der römischen Antiken, mit denen zu jener Zeit recht willkürlich umgegangen wurde, indem sie etwa als Steinbrüche für den Häuserbau oder andere „Modernisierungsarbeiten“ genutzt bzw. vernichtet wurden. Die Kunst – im Kollektivsingular – also alle schönen Künste seien ein Hauptbestandteil zur Bildung und Verfeinerung des Geschmackes und damit zur – wieder modern gesprochen – Persönlichkeitsentfaltung. Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818 – 1877) postuliert wohl nicht zu Unrecht, dass es Castiglione im Hofmann nicht primär um die vollendete Bildung am Hof geht, sondern wohl vielmehr um ein verbindliches Ideal des Menschen an sich.15 Dafür sei aber die kulturelle, die Bildung in den schönen Künsten, eine unerlässliche Voraussetzung. Ach ja – ein Träumer.

Aber halt nicht so voreilig. Stellt nicht gerade die Betrachtung des Schönen, Wahren und Guten – um diese im Humanismus wiedererweckte platonische Trias zu bemühen – und die Beschäftigung damit vielleicht eine große ungenutzte Chance in unserer Zeit dar. Sie steht bei Castiglione ja nicht alleine sondern in – wiederum durch die Bedrohungslage unserer Zeit hochaktueller – Balance zwischen kriegerische Tüchtigkeit und universeller Bildung. Der Hofmann findet seinen Schwerpunkt in der positiv verstandenen mediocrità, also der goldenen Mitte. Kunst- und Geschichtsbewusstsein und eine Universalität der Bildung fordert Castiglione als hohe moralische Verpflichtung ein und sieht in ihr das wahre Möglichkeitspotential des Menschen. Persönlichkeits-BILDUNG wörtlich genommen ist für den großen Renaissancedenker wahrer humanistischer Fortschritt.

© Daniel Beuthner 2026

  1. Frauenspiegel der Renaissance. Buch 3: Graf Baldassare Castiglione. Hegner, Leipzig o. J. [1903], S. 46f
       ↩︎
  2. ebd. ↩︎
  3. Castiglione: Das Buch vom Hofmann. Übersetzt und erläutert von Fritz Baumgart, München 1986, S. 5 ↩︎
  4. ebd. ↩︎
  5. Castiglione: Il libro del cortigiano, Libro I, Venedig 1528 ↩︎
  6. Castiglione, Il libro del cortigiano, a cura di Luigi Firpo, Milano: Mondadori, 1962, Libro I, Cap. 9, S. 36 – 37 ↩︎
  7. ebd. Libro III, Cap. 5, S. 181 ↩︎
  8. Bernhard Schulz in Der Tagesspiegel, Ausgabe vom 09.10.2020 ↩︎
  9. Castiglione, Il libro del cortigiano, a cura di Luigi Firpo, Milano: Mondadori, 1962, Libro I, Cap. 12, S. 45 ↩︎
  10. ebd. Cap. 13, S. 50 ↩︎
  11. Rudolf Zorn (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Stuttgart 1978, S. 103 ↩︎
  12. s.o. Libro I, Cap. 6 ↩︎
  13. ebd. ↩︎
  14. ebd. ↩︎
  15. Burckhardt: Die Cultur der Renaissance in Italien, Stuttgart 1860 ↩︎

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