Der Bär im Supermarkt
oder
Wie Satan in den Kühlschrank kam

Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich bei einem schönen abendlichen Spaziergang durch ein kleines undefinierbares Geräusch aus der Dämmerung relativ schnell in einen Zustand versetzen lassen, in dem man sich häufiger nach hinten umdreht als gewöhnlich? War da nicht was? Da ist doch wer! Oder neigen Sie dazu, in ungewöhnliche Formen, Zahlenkonstellationen und außerordentliche Begebenheiten mehr hineinzuinterpretieren, als es die Norm verlangt? Lesen Sie gerne von alten Prophezeiungen, Mysterien und dem Wissen versunkener Kulturen? Keine Angst! Dieser Zustand an sich ist noch nicht besorgniserregend. Es gibt aber Menschen, die sehen nicht nur in der Dämmerung oder in gewissen besonders ausdrucks- bzw. eindrucksvollen Zahlen und Ereignissen – die Älteren erinnern sich an den Millenium-Hype – sondern überall, an und in den gewöhnlichsten Dingen des Alltags die Zeichen unheilvoller Mächte. Und wenn solche Leute Sie jemals besuchen kämen und in Ihren Kühlschrank schauen würden. Aber beginnen wir am Anfang.

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, da hatte ein Medizinmann der Hopi-Indianer aus Nord-Arizona eine erschütternde Vision: Er sah ein Zeichen und hörte die Worte:

„Es kommt eine Zeit wo niemand mehr kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht dieses Zeichen hat. Wenn dies erfüllt ist, dann kommt der Dritte Große Krieg!“

Das Zeichen, welches der Indianer vor seinem inneren Auge sah, wirkte auf ihn wie die gleichmäßigen Kratzspuren der Pranken eines Bären. Er versuchte es festzuhalten und gab folgende Skizze wieder:

Skizze der Vision des Hopi-Medizinmannes

Heute, wo wir in einer Konsumgesellschaft leben, in welcher der Handel, das Kaufen und Verkaufen von Waren den Alltag stärker bestimmt als jemals zuvor, könnte der Medizinmann seine Vision sicherlich deutlicher interpretieren. Dieses „Zeichen des Bären“ hat in der Tat hohe Ähnlichkeit mit einem modernen Strichcode, wie wir ihn heute auf nahezu allen Waren finden:

Strichcode / Barcode zur Warenidentifikation

Diese Balkenstruktur ist eine computergestützte Codierung der Internationalen Artikelnummer. Dieses Signum wird gleich bei der Produktion der Waren auf die zugehörige Verpackung gedruckt. Es erleichtert den gesamten Ablauf der Warenwirtschaft über den Postverkehr bis hin zur Identifizierung von Artikel und Preis an der Scanner-Kasse Ihres Supermarktes. Darüberhinaus gibt es Auskunft über Herkunftsort und Hersteller. Kann es das gewesen sein, was der Medizinmann in seiner Vision gesehen hat, und aus seinem Zeitverständnis heraus als Kratzspuren eines Bären interpretierte?

Aber fügen wir noch eine andere weitaus bekanntere Vision an und zwar aus der Bibel. In der Offenbarung des Johannes (13. 16-18) heißt es von dem satanischen Tier:

„Und es bewirkt, dass sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen an die rechte Hand oder an die Stirn machen, und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens. Hier geht es um Weisheit! Wer Verstand hat, der deute die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666“.

Wie schon erwähnt ist der Strichcode die computergerechte Verschlüsselung der Internationalen Artikelnummer, welche notwendig ist, damit im modernen Handel Waren verkauft und gekauft werden können. Viele Balkencodes haben etwas gemeinsam und zwar die beiden verlängerten Striche am Anfang, in der Mitte und am Ende des Codes. Der so gestaltete Doppelbalken ist im Verschlüsselungssystem des Balkencodes angeblich keiner anderen Zahl als der Zahl 6 zuzuordnen. Somit trügen heute bereits nahezu alle im Handel befindlichen Waren das Zeichen 666.

Barcode „666“

Erschreckend, nicht? Da war doch was. Da ist doch wer. Schnell umdrehen!
Tatsächlich sind diese Linien wohl schlicht Marker, die beim Einlesen mit dem Lesegerät der Synchronisation dienen und anzeigen, wo der Codeabschnitt beginnt und endet. Nichtsdestotrotz ist der Glaube an die negative Kraft des Strichcodes in gewissen esoterischen Zirkeln und populär-verschwörungstheoretischen Anschauungen so weit verbreitet, dass manche Firmen die „negative Kraft“ des für den Handel notwendigen Codes durch einen kleinen horizontalen Strich „entstören“. Die Ängste vor bösen Energiefeldern, die von den Barcode ausgehen, sind bei einer relevanten Kundengruppe offenkundig so groß, dass vor allem Mineralwasserunternehmen quasi in vorauseilendem Gehorsam eine liegende Acht – das Unendlichkeitssymbol – über die Strichcodes drucken, um diese „noch effektiver“ zu entstören, als es dem gemeinen horizontaler Strich möglich ist: ein Bannzeichen gegen ein Bannzeichen sozusagen.

„Entstörter“ Barcode (Quelle: Wikimedia PaulT)


Ob nun gebanntes Satanszeichen, eine Einlesemarkierung oder schlicht nur eine gewöhnliche Schnapszahl: Wir sollten stets angstfrei unseren Kühlschrank öffnen, die strichcodierte Sektflasche greifen und lächelnd auf diesen Scherz ein Gläschen trinken und uns weder einen Bären aufbinden noch ins Bockshorn jagen lassen.
 

Angesagt