
Öl auf Leinwand, 129,5 × 196,2 cm
Metropolitan Museum of Art, New York
Die Stechmücke des Geistes – Der Tod des Sokrates nach Platons Apologie
Es war kein Tag wie jeder andere im Jahre 399 v. Chr. in Athen, der Polis des Geistes, jenes Stadtstaates, der sich – nicht ganz zu Unrecht – so viel auf seine politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und philosophischen Errungenschaften einbildete und der doch gereizt reagierte, wenn jemand mit Impertinenz eben diese Errungenschaften infrage stellte, nicht etwa um sie kleinzureden, sondern um sie größer und gerechter zu machen. Sokrates – die Stechmücke am Hintern des Athener Staatsrosses – wurde zum Tode verurteilt. Genauer gesagt waren es drei Männer, die ihn laut Platons „Apologie“ der Asebie – also Gottlosigkeit – und der „Verführung der Jugend“ anklagten: Meletos, Anytos und Lykon, die bei Platon repräsentativ für Sokrates Gegner unter den Dichtern, Handwerkern und Politikern bzw. politischen Rednern stehen.
Mehr zum Begriff „Apologie“
Unter dem Begriff Apologie versteht man eine – meist vor Gericht vorgetragene – Rechtfertigungs- oder Verteidigungsrede. Nach dem aufsehenden Prozess gegen Sokrates im Jahre 399 v. Chr. entstand eine Vielzahl solcher Apologien, deren Urheber bekannte Redner, Philosophen und vor allem Schüler des Verurteilten waren. Auf uns gekommen sind davon lediglich jene des Xenophon (ca. 425 – 354) und die diesem Essay zugrunde liegende Version von Platon. Beide sind im Übrigen sehr unterschiedlich und geben mehr über die Sichtweise der Schüler auf den Meister preis als über die tatsächlichen Umstände des historischen Prozesses.

„Der Prozess gegen Sokrates“ – KI-generiert im Stil des Malers Jacques Louis David (© 2026 Beuthner)
Wie hatte es sich Sokrates gleich mit allen drei Ständen verdorben? Nun: Ein Orakelspruch der Pythia hatte wohl verlauten lassen, es gebe keinen weiseren Mann als Sokrates. Ungläubig und doch mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem Spruch wollte Sokrates denselben prüfen, denn eigentlich war er sich ja bewusst, dass „ich weder im Großen noch im Kleinen weise bin.“ (Platon, Apologie 22c–d, übersetzt von Kurt Hildebrandt.)
Sein „Verbrechen“ war dem zufolge wesentlich schlichterer aber auch gefährlicherer Art: Er hatte gefragt. Immerzu gefragt. Und zwar alle als weise oder kundig geltenden Männer – Politiker und Dichter, aber eben auch Handwerker. Doch ihre Antworten erwiesen sich als hohl wie leere Tonkrüge, gegen die man klopft. So habe er schließlich erkannt, dass der Sinn des Orakels wohl jener sei, sich ganz in den Dienst der Wahrheit und des Gottes zu stellen und den Unwissenden, die sich für wissend hielten, ihre Unwissenheit aufzuzeigen. (Platon, Apologie 20c–23c.)
Er war also kein Gottloser, sondern im Gegenteil: Er hatte die Gottheit in sich aufgenommen, denn er deutete sie nicht als marmorne Statue, sondern als innere Stimme, als Daimonion, die ihn warnte, wenn er im Begriff war, Unsinn zu reden. Doch was ist ein Gott, wenn er nicht mehr in den Tempeln wohnt, sondern im Gewissen des Einzelnen? Er ist gefährlich! Und im Falle von Sokrates spornte er ihn an, nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu suchen. Das sei zwar unbequem wie die Stiche des zuvor erwähnten Insektes, aber kein Grund einer Anklage geschweige denn Verurteilung zum Tode, denn:
„wenn ihr mich hinrichtet, so werdet ihr nicht leicht einen anderen finden, der – es klingt zwar lächerlich, aber es ist doch wahr – der Stadt von Gott geradezu beigegeben ist wie eine Breme einem großen und edlen, aber durch seine Größe etwas trägen Rosse, das des Ansporns bedarf. So hat mich, scheint es, der Gott der Stadt beigegeben als einen, der euch den ganzen Tag über nicht aufhört überall aufzurütteln, zuzureden und Vorwürfe zu machen jedem einzelnen von euch.“ ( „Apologie des Sokrates und Kriton“ , übersetzt von Otto Apelt, Leipzig 1922)
Und als wären diese Sticheleien nicht genug, fanden sich auch noch junge Leute, die sein Treiben nachahmten – denn die Jugend liebt nichts mehr, als Autoritäten zu demontieren, zumal wenn es so elegant geschieht wie bei Sokrates. Diese Jünglinge, umsonst unterrichtet und geschult von Sokrates, begannen nun ihrerseits, die aufgeblasene Inkompetenz der vermeintlich Wissenden zu entlarven, zuweilen mit jenem fordernden Verve und draufgängerischer Respektlosigkeit, die die Jugend nicht selten so unausstehlich machen.

„Die Schule von Athen“ (Ausschnitt: Sokrates mit Schülern) – Fresko von Raffael, Stanza della Segnatura, Vatikan, 1511
Der Zorn aber, den sie damit entfachten, richtete sich nicht gegen die Schüler – denn wer schlägt schon die Welpen, wenn er den alten Hund treffen kann? – sondern gegen ihren 70jährigen Meister.
So also kam es, dass man Sokrates vorwarf, er verderbe die Jugend. Und in gewissem Sinne stimmte dies ja auch – er hatte sie verdorben für die Bequemlichkeit der Lüge, für den blinden Glauben an oft genug wiederholte „Alternative Fakten“, für rauschhafte Begeisterung an emotionalisierten Reden und er hatte sie unbrauchbar gemacht für die stille Übereinkunft, vermeintlichen Autoritäten aber auch einander nicht zu widersprechen. Heute aktueller denn je möchte man annehmen dieses „Verderben“ der Jugend sei eher ein „Erwecken“ aber nicht wenige würden wahrscheinlich auch jetzt noch entscheiden, wie jene 501 Geschworenen damals zu Athen: Die Stechmücke muss unschädlich gemacht werden.

Als man dem Angeklagten dennoch Gelegenheit gab, eine mildere Strafe vorzuschlagen, die seinen Taten angemessen sei, empfahl Sokrates – und hier muss man innehalten und diesen Moment auskosten wie einen göttlichen Schluck süßherben Weines:
„Was schickt sich nun für einen armen Mann, der euer Wohltäter ist und der Muße nötig hat, euch zu ermahnen? Es gibt nichts, ihr Athener, das sich so sehr für einen solchen Mann schickte als die Speisung im Prytaneion — ja, das gebührt mir weit eher als einem von euch, der mit dem Rosse oder mit Zwei- oder Viergespann in Olympia gesiegt hat.“ (Apologie 37a)
Statt um Gnade zu bitten, schlägt der platonische Sokrates also vor, man möge ihn wie einen Olympiasieger auf Staatskosten speisen – eine Provokation, die das Gericht nicht amüsierte und die dazu beitrug, dass die Mehrheit für die Todesstrafe noch größer ausfiel als die Mehrheit des Schuldspruchs.
Dreißig Tage verstrichen noch, weil ein heiliges Schiff unterwegs nach Delos war, und solange es fort war, durfte kein Todesurteil vollzogen werden (Platon, Phaidon, 58a–c). Dreißig Tage, in denen seine Freunde und Schüler Fluchtpläne schmiedeten, die Sokrates lächelnd verwarf. Kriton kam mit Geld und Bestechung und dem ganzen pragmatischen Werkzeugkasten der Überlebenskunst, doch Sokrates hielt ihm entgegen, dass ein Leben gegen die eigenen Grundsätze keines sei, das zu retten lohne (Platon, Kriton, 48b–54d).
Dann kam der letzte Tag. Platon, der seine Abwesenheit wegen Krankheit selbst gesteht (Platon, Phaidon, 59b), hat uns die Szene überliefert wie ein großes Gemälde: Sokrates nahm den Becher mit dem Schierlingsgift (koneion, Conium maculatum), und er trank ihn, wie Phaidon sagt „ganz heiter, ohne zu zittern“ (Platon, Phaidon, 117b).

„Sokrates nimmt den Giftbecher“ , Illustration nach Walter Crane (1845 – 1915) aus „Die Geschichte Griechenlands erzählt für Jungen u. Mädchen“, um 1900
Das Gift stieg langsam von den Füßen aufwärts, eine Kälte, die den Körper erstarren ließ wie zufrierendes Wasser. Seine letzten Worte galten einem Hahn, den man dem Asklepios schulde (Platon, Phaidon, 118a) – ein Opfer an den Gott der Heilung, als sei der Tod die Genesung von der Krankheit des Lebens.




