Lessing und Mendelssohn
Große Geister der Aufklärung und Toleranz


An einem kalten Winterabend zu Berlin im Jahre 1754 saßen zwei gleichaltrige junge Männer in einer einfachen, fast schäbigen Stube schachspielend beisammen und begeisterten sich in Rede und Gegenrede, ja vielmehr in echtem Dialog zu gedanklichen Höhenflügen, die weit über ihre Zeit hinausreichten.


Der eine, im sächsischen Kamenz geborene, mit scharfem Blick und lakonischem Lächeln hatte sich, obwohl Sohn eines lutherischen Pfarrers, bereits den Ruf, eines „gefährlichen Ketzers“ zugezogen, weil er die heilige Dreifaltigkeit der Orthodoxie – Dogma, Gehorsam und Langeweile – mit beißendem Spott bedachte. Er erhielt als Knabe Privatunterricht, ging dann auf die Lateinschule und erwarb ein Stipendium an der Fürstenschule in Meißen, wo er neben Latein, Griechisch und Hebräisch wenig Zeit für seine Leidenschaft, die Kultur der deutschen Sprache fand. Ein auf Wunsch des Vaters angenommenes Theologiestudium an der Leipziger Universität ließ ihm offenkundig mehr Zeit für Theater und neue Literatur. Auch während des begonnenen Medizinstudiums in Wittenberg verfolgte er dort lieber die Vorlesungen über Philosophie. Mit knapp 20 Jahren zog es ihn nach Berlin, wo er rasch Mitarbeiter verschiedener Zeitungen unter anderem der angesehenen „Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit“ wurde. Sein Name: Gotthold Ephraim Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing
Gemälde von Anton Graff, 1777, Kunstsammlung der Universität Leipzig

Der andere, ein Jude aus Dessau mit klarem ruhigen Blick und sphinxenhaften Zügen um den Mund begeisterte sich bereist als Knabe und junger Talmudschüler für den großen jüdischen Gelehrten Moses Mamonides (ca. 1135/38 – 1204) und damit für logisches und vor allem freies Denken.

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Moses Maimonides, eigentlich Mosche ben Maimon oder kurz RaMBaM (Rabbi Mosche Ben Maimon),war ein in Córdoba (Spanien) geborener jüdischer Theologe, Philosoph, Arzt und Rechtsgelehrte, der vor allem in Al-Andalus und nach der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel in Ägypten wirkte. Er gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters. Die jüdische Tradition kennt den auf ihn bezogenen Ehrfurcht gebietenden Satz: „Von Moses bis Moses war keiner wie Moses.“

Seine blitzschnelle Auffassungsgabe, allegorische Sprachgewandtheit und nicht zuletzt ein mit dreizehn Jahren sich entwickelnder krummer Rücken trugen ihm den Spitznamen „der kleine Aesop“ ein. 14jährig folgte er seinem Lehrer als Bettelstudent nach Berlin, wo er, der Stotterer, dessen Muttersprachen Jiddisch, Hebräisch und Aramäisch waren sich rasch Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch und Englisch aneignete. Sprachen, die ihm die Tore zu einer Welt öffneten, in der er nicht mehr der Bucklige, sondern ein Mensch war. Er fraß sich abends und nachts mit Fleiß und Akribie durch die Werke der wichtigsten Denker, während er tagsüber Seide für einen Berliner Fabrikanten sortierte, dessen Kinder unterrichtete und die Buchhaltung führte. Später sollte er sogar Teilhaber der Fabrik werden und zu einigem Wohlstand kommen. Seine Interpretation oder besser Umarbeitung des platonischen Dialoges Phaidon behandelt die Unsterblichkeit der Seele und die Bedeutung der Vernunft für die Erkenntnis der Wahrheit und hat ihrem Schöpfer den Ehrentitel „jüdischer Sokrates“ eingetragen. Sein Name aber war: Moses Mendelssohn.

Moses Mendelssohn
Gemälde von Anton Graff, 1771, Kunstsammlung der Universität Leipzig

Beide waren 25 Jahre alt, hungrig nach Wahrheit und beide hatten den unerschütterlichen Glauben, dass die Welt nicht nur verbessert werden könne, sondern dass sie verbessert werden müsse – mit einer Mischung aus scharfem Verstand und Notfalls noch schärferer Ironie.

Ihre erste Begegnung war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines gezielten Findens. Lessing, der bereits durch seine scharfen Theaterkritiken aufgefallen war, hatte von einem „jüdischen Wunderknaben“ gehört, der die Schriften der namhaften Denker las, als wären es Romane und beispielsweise Leibniz’ Monadologie so elegant widerlegte, als handele es sich um einen schlechten Scherz.

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Monadenlehre: Für Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) sind Monaden (von gr. mονάς / monás für „Eins / Einheit“) einfache, nicht ausgedehnte unteilbare und ewige Substanzen, die von allen äußeren mechanischen Einwirkungen unbeeinflusst sind. Er bezeichnet sie als „die eigentlichen Atome der Natur“, [Monadologie, übersetzt und eingeleitet von Robert Zimmermann, Wien 1847] die jede für sich einen „lebendigen Spiegel“ des gesamten Universums darstellen. Als solche vereinen sie die Vielheit aller möglichen „Wahrnehmungen“ (frz. perceptions) der Welt in einer Einheit.

Mendelssohn wiederum kannte Lessings Feder, die er so frech fand, dass er lachen musste, obwohl er wusste, dass er eigentlich hätte empört sein sollen.
Ihr erstes Gespräch dauerte bis zum Morgengrauen. Lessing, der sich über die „dummen Frommen“ lustig machte, die „Gott wie einen strengen Schulmeister“ fürchteten, traf auf Mendelssohn, der zwar zum bedeutendsten jüdischen Aufklärer, ja zur Symbolfigur der Haskala wurde und dennoch – oder gerade deshalb – streng nach den Vorschriften der jüdischen Religion lebte und seinem Freund entgegenhielt: „Ihr Christentum ist wie ein altes Schloss – voller prunkvoller Säle, aber die Türen sind verrostet. Mein Judentum ist ein Zelt: Es wackelt im Wind, aber es lässt Luft und Licht herein“ [Quelle: Gespräche mit Lessing. Hrsg. von R. Jungk, Berlin 1967].

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Haskala (hebräisch השכלה für „Bildung, / Philosophie“), später als „jüdische Aufklärung“ bezeichnet, entstand in den 1770er und 1780er Jahren in Berlin und Königsberg unter maßgeblichem Anteil von Moses Mendelssohn. Sie erweiterte die Ideen der europäischen Aufklärung und forderte auch eine gleichberechtigte Stellung der Juden in den europäischen Gesellschaften ein.

Lessing und Mendelssohn lebten in einer Zeit, in der die Toleranz gegenüber Juden und anderen Minderheiten weder selbstverständlich noch in irgendeiner Form wirklich einzuklagen war. Die preußische Toleranzpolitik unter Friedrich II. ermöglichte zwar ein gewisses Maß an religiöser Freiheit, doch antijüdische Ressentiments waren auch in sogenannten aufgeklärten Kreisen verbreitet. Ein vielfach kolportiertes Treffen zwischen dem König und Mendelssohn hat es im Übrigen nie gegeben.

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Ein Treffen des Königs mit Moses Mendelssohn hat nie stattgefunden: Der Alte Fritz, der „Philosoph von Sanssouci“, war unverhohlen antijüdisch und erließ während seiner langen Herrschaft viele Gesetze, die Juden benachteiligten und diskriminierten. Moses erhielt vom König zwar eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis – vor allem, weil er dem Staat als Geschäftsmann Steuergewinne garantierte –, doch wurde diese Genehmigung seinen Kindern verweigert. Und obwohl Moses bereits 1763 bei einem Wettbewerb der Preußischen Akademie der Wissenschaften den ersten Preis gewonnen hatte, lehnte es der König ab, ihn als Mitglied der Akademie zuzulassen [Quelle: Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn, Amsterdam 2022]

Für Lessing war religiöse Toleranz kein gönnerhaftes Dulden, sondern aus Erkenntnis gezogene Demut. Mendelssohn argumentiert ähnlich, jedoch systematischer: Religion sei Offenbarung, aber keine Dogmatik, die Zwang rechtfertige. In seinem Hauptwerk „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ (1783) legt er eine politische Theologie der Freiheit dar und formuliert, dass Religion keine Zwangsgewalt über Gewissen und Staat ausüben dürfe: „Zwang in Religionssachen ist der Natur der Religion selbst entgegen.“

„Jerusalem“, eine Hauptschrift von Moses Mendelssohn, Ausgabe von 1783, Beuthner Privatsammlung

Mendelssohn trennt strikt zwischen bürgerlicher und religiöser Ordnung – ein Gedanke, der modernen Staatsverfassungen vorweggreift und einer, der heute immer noch oder wieder in Gefahr ist ausgehöhlt zu werden: Durch rücksichtslose Emotionalisierung, Hassreden, Fake-News oder „alternative Wahrheiten“, durch das Unvermögen, um des besseren Argumentes willen miteinander zu streiten und dadurch, dass Einsicht als Schwäche diffamiert wird.

Lessing formuliert in der „Erziehung des Menschengeschlechts“ (1780): „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“

„Die Erziehung des Menschengeschlechts“, Ausgabe von 1785, Beuthner Privatsammlung

Das war damals radikal und ist auch heute noch wichtig: Wahrheit ist Prozess, nicht Besitzstand. Die berühmte Ringparabel in „Nathan der Weise“ ist das literarische Herzstück von Lessings Toleranzidee. Sie erzählt von drei Ringen, die für die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam stehen, und lehrt, dass keine Religion den alleinigen Anspruch auf Wahrheit erheben kann, sondern es vielmehr darauf ankomme, nach den Prinzipien der Humanität, Toleranz und Vernunft zu leben.

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Lessing entnahm die Geschichte von den drei Ringen aus dem Decamerone (3. Erzählung, 1 Tag) von Giovanni Boccaccio (1313−1375). Der Stoff von den drei ununterscheidbaren Ringen lässt sich jedoch noch weiter bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Erfunden wurde er wahrscheinlich auf der iberischen Halbinsel oder von sephardischen Juden im Exil; also zur Zeit von Moses Mamonides. Lessing fügt dem Motiv aber erst die entscheidende theologisch-philosophische-aufklärerische Tiefe hinzu:

Sultan Saladin fragt Nathan, welche Religion die wahre sei. Nathan antwortet mit der Geschichte von einem Ring „von unschätzbarem Wert“, der „die geheime Kraft“ besitze, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, und der über viele Generationen vom Vater an jenen Sohn vererbt wurde, den dieser am meisten liebte. Doch eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei Söhne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. So lässt er exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner Söhne einen und versichert jedem seperat, sein Ring sei der echte und verstirbt. Natürlich kommt es zum Streit. Nathan erläutert dem Sultan, dass die Ringe Judentum, Christentum und Islam symbolisieren und da keiner die Echtheit seines Ringes erkennen und/oder beweisen könne, sei die Lösung der Frage nach der „wahren“ Religion: Nicht der Besitz des Ringes, sondern die gelebte Tugend, die den eigenen Ring mit der ursprünglichen Kraft zu füllen vermag: „Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!“

Die Zeitgenossen wollten schon bei der Uraufführung 1779 in der Figur des weisen Juden Nathan den Philosophen Moses Mendelssohn erkannt haben und ob es so war oder nicht – es gibt Argumente für beides – so kann ein berühmter Wortwechsel des dramatischen Gedichtes zwischen Nathan und dem christlichen Tempelherren doch sinnbildlich für das Freundschaftsfundament der beiden historischen Aufklärer stehen:

Nathan: „Verachtet mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch? Ah, wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“

Tempelherr: „Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan! Das habt Ihr! – Eure Hand! – Ich schäme mich, euch einen Augenblick verkannt zu haben. … Nathan, ja, wir müssen, müssen Freunde werden.“

„Nathan der Weise“, Erstausgabe 1779
auf Subskription herausgegeben mit dem (falsch geschriebenen) lateinischen Motto: „Tritt ein, denn auch hier gibt es Götter!“, Beuthner Privatsammlung

Die Freundschaft zwischen Lessing und Mendelssohn ist mehr als ein Beispiel für die Möglichkeit eines christlich-jüdischen Miteinanders im 18. Jahrhundert. Sie steht exemplarisch für das Projekt der Aufklärung: Vernunft über Dogma, Dialog über Zwang, Humor über Fanatismus. Sie wurde zu einem Mythos mit Vorbildfunktion – und wir können diesen Mythos mit Leben füllen, uns die Freundschaftsringe anziehen und uns um Redlichkeit und Liebenswürdigkeit im Miteinander bemühen.

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